Das Prinzip der Neuroplastizität

Unsere Gedanken und Handlungen können die Struktur mit der wir denken und handeln plastisch und praktisch verformen. Das Prinzip ist bekannt: „Etwas ’schleift sich ein‘, ein Gedankengang, den wir öfter gehen, wird zum Trampelpfad, und aus lauter Bequemlichkeit nehmen wir irgendwann nur noch diesen Weg, auch wenn es einen besseren gibt.“ Daraus folgt, dass unser Denken, also unser Bewusstsein, unser Sein bestimmt. Wir sind also das, was wir oft denken und tun.
Ganz besonders werden Menschen durch ihre Berufe geprägt. Wenn Eckart von Hirschhausen eine Frau mit großzügig ausgeschnittenem Dekolleté sieht, wo schaut er hin? Auf die Schilddrüse, er kann als Arzt nicht anders. Und er schaut dann so lange, bis sie schluckt – wegen der Größe. Einer Mathematik-Lehrerin kann es schon mal passieren, dass sie die Kassiererin im Supermarkt fürs Rechnen mit der Maschine belobigt und dann meint, sie möge die Addition doch jetzt bitte auch per Kopf vornehmen. Und das Juristenhirn sucht überall den Haken an der Sache. Worauf ich hinauswill ist klar. Wir kommen nicht etwa automatisch qua Alter unserem Selbst immer näher, sondern wir werden immer mehr zu dem, was wir oft tun und denken. *
Das bedeutet, dass wir genau dort ansetzen sollten, wenn wir etwas verändern wollen. „Auf die Dauer der Zeit nimmt die Seele die Farbe der Gedanken an“, sagt Marc Aurel. Dann sehen wir doch zu, dass uns die Farbe passt. Ein Anfang kann schon sein, dass wir uns ein paar Sätze oder Begebenheiten (oder Gedichte oder Bilder) überlegen, die für uns positiv sind. Die notieren wir dann auf kleinen Zetteln oder wir gönnen uns Postkarten oder Fotos und verteilen sie in der Wohnung. So stolpern wir ständig darüber und sorgen so dafür, dass wir gute Gedanken haben! Als kleine Sofortmaßnahme – es müssen nicht immer gleich die großen Dinge sein.

*Bis hier bin ich z. T. wörtlich, z. T. im Wortsinn Eckart von Hirschhausen gefolgt: Glück kommt selten allein, Rowohlt, 2009, S. 62ff.